Mario Riesner
1. Lehrergrad (seit 03/2009)

Wie ich zu WingTsun kam…
… war mehr ein Zufall als geplanter Vorsatz. Ein guter Freund, mit dem ich in den Jahren zuvor diverse sportliche Leidenschaften wie Klettern oder Berg- und Skitourengehen teilte, erzählte von seinem neuen Hobby. Schon ein halbes Jahr trainierte er WingTsun - und war fasziniert. Ich bat ihn, mir mehr darüber zu erzählen, hinterfragte seine Meinung zu den Trainingskollegen, dem Trainer und zu alles anderem, was mir einfiel. Ich wollte mir ein umfassendes Bild von diesem Verein machen. Nachdem mich mein Freund mit seiner Begeisterung ansteckte und meine generelle Skepsis gegenüber Kampfsportschulen in diesem Fall zerstreute, kontaktierte ich den Trainer, um mich für ein Probetraining anzumelden.
Beim Probetraining begriff ich, dass diese ominöse Kampfkunst in der Art und Weise, wie sie in diesem Verein unterrichtet wird, weder schnell zu erlernen noch trivial ist. Dies stellte meine bisherigen - vor allem in geistiger Hinsicht - dumpfen Erfahrungen mit Kampfsport derart auf den Kopf, dass ich mich als Mitglied einschrieb und das regelmäßige Training aufnahm.
Schnell wurde mir klar, dass dieser Verein alles andere als gängige Klischees eines dörflichen Kegel-, Ski- oder Fußballvereins bedient. In Aufbau und Abfolge entspricht WingTsun nicht dem Prinzip des starren Nachturnens. Das Fazit aus meinen ersten Wochen: WingTsun ist eine Kampfkunst (kein Kampfsport) und wird in einer Schule (nicht in einem Verein) von einem Lehrer (und keinem Trainer) unterrichtet (nicht trainiert). Das bedeutet, dass es von der Systematik her, am ehesten mit dem Erlernen einer Fremdsprache verglichen werden kann. Das wiederum führt dazu, dass man besser wird, je länger man diese Bewegungslehre ausübt. Auch wenn's trivial klingt - in fast keiner anderen Sportart ist das der Fall, egal ob Fußball, Radfahren, Tennis oder Laufen. Denn ab einem gewissen Alter siegt die Jugend über die Erfahrung und der Erfahrene wird zum Besiegten.
Warum ich immer noch WingTsun übe…
… liegt nahezu an denselben Gründen, weswegen ich es begonnen habe.
Im Gegensatz zu meinen Anfängen ist mir heute die persönlichkeitsbildende
Seite des Trainings mehr bewusst. Ohne zuviel in einen asiatischen KungFu-Stil
hineininterpretieren zu wollen, kann ich für mich sagen, dass mir WT
generell hilft, entspannter zu sein. WT ist wie Schach, nur eben mit dem Körper.
Das heißt, während des Unterrichts bleibt wegen der Fülle
von Informationen, die das Hirn zu verarbeiten hat bzw. an den Körper
weiterzugeben versucht, kaum Platz für gedankliches Abschweifen oder
Alltagssorgen.
Ein weiterer Punkt: Unsere Schule ist vor gut einem Jahr aus dem Europäischen Dachverband, der EWTO, ausgetreten. Die EWTO hat diese Kampfkunst von China ausgehend nach Europa importiert und in unseren Breiten nach allen Regeln der Kunst vermarktet. Die ersten drei Jahre meiner WT-Laufbahn basierte der Unterricht auf EWTO-Regeln, was teils sinnvoll war. Seit dem Austritt aus dem Dachverband obliegt es unseren Lehrern das zu unterrichten, was sie und wie sie es für richtig erachten. Günther und Anja, meine Lehrer, sind ausgesprochen engagiert. Ihrem Einsatz ist es zu verdanken, dass der Austritt aus dem durch Standards kontrollierten Verband zu einem solchen Erfolg führte. Seit den neu errungenen Freiheitsgraden gestaltet sich der Unterricht effizienter und tiefsinniger als zuvor, was einem zusätzlichen Quantensprung in Sachen Qualität darstellt!
Warum ich weiterhin WingTsun machen möchte…
… liegt daran, dass ich die positiven
Auswirkungen dieser Bewegungslehre nicht missen möchte. WT gibt mir das
Gefühl, etwas zu erlernen, das einem neue Dimensionen in Sachen Körpergefühl
und Körperbeherrschung aufzeigt - vergleichbar mit einem Kleinkind, das
Sprechen und Gehen lernt.
Natürlich sind es auch die Kollegen, mit denen man über die Jahre
viel lacht, sich korrigiert, diskutiert und sich ermutigt, die einem ans Herz
wachsen.
Mit dem Abschluss der Schülerstufen und dem Eintreten in die Lehrergrade
kam für mich eine neue Komponente - das Unterrichten - hinzu, die ich
sehr reizvoll finde. Erst wenn man imstande ist, anderen beizubringen, was
man selbst zu wissen glaubt, kann man von sich selbst behaupten, den Hauch
einer Ahnung zu haben.
Mario Riesner